Wir alle kennen Sprichwörter, die Orientierung geben und scheinbar unumstösslich sind. Doch was passiert, wenn man sie wörtlich nimmt, verdreht oder einfach neu zusammensetzt? Lo & Leduc zeigen in ihrem neuen Song «Wie es ist», wie überraschend, witzig und gleichzeitig entlarvend Sprache sein kann.
Von Ralf Stöckli

Sprache ist kein starres System. Sie lebt, verändert sich, spielt mit Erwartungen.
Genau dort wird sie spannend.
Das Berner Duo Lo & Leduc zeigt in ihrem neuen Song «Wie es ist», wie viel kreatives Potenzial in scheinbar feststehenden Redewendungen steckt. Sie greifen bekannte Sprichwörter auf, verdrehen sie, brechen sie auf und schaffen damit neue Bedeutungen, die überraschen und oft zum Schmunzeln anregen.
Wer sind Lo & Leduc?
Lo & Leduc gehören zu den bekanntesten Acts der Schweizer Musikszene. Das Duo, bestehend aus Lorenz Häberli (Lo) und Luc Oggier (Leduc), verbindet seit Jahren eingängigen Pop mit Rap-Elementen und einer ganz eigenen sprachlichen Handschrift.
Was sie besonders auszeichnet, ist ihr Umgang mit Sprache: verspielt, poetisch, manchmal absurd, aber immer präzise. Sie nutzen Sprache nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern als kreativen Spielraum, voller Wortneuschöpfungen, Doppeldeutigkeiten und überraschender Bilder.
Wenn das Vertraute ins Wanken gerät
Sprichwörter sind eigentlich dafür da, Orientierung zu geben. Sie sind verdichtete Lebenserfahrung, kulturell verankert und oft über Generationen hinweg stabil geblieben. Genau deshalb funktionieren sie so gut als Ausgangspunkt für kreative Brüche.
Im hochdeutsch gesungenen «Wie es ist» nehmen Lo & Leduc diese Stabilität auseinander. Sie setzen beim Vertrauten an und kippen es dann in eine neue Richtung.
Ein bekanntes Sprichwort lautet: «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.»
In kreativer Art abgeändert, singen Lo & Leduc im Song:
Hier entsteht Spannung. Das Publikum erkennt das Original sofort, erwartet die gewohnte Aussage und bekommt stattdessen eine neue Perspektive. Die Aussage wird offener, individueller, manchmal sogar widersprüchlich.
Gehen wir ein paar Passagen des Songs gemeinsam durch.
Das Original-Sprichwort «Stille Wasser sind tief.» wird im Song:
Hier wird die metaphorische Tiefe komplett gestrichen. Übrig bleibt eine fast banale, physikalische Beobachtung. Und genau darin liegt der Charme der neuen Aussage.
Auch «Lange Rede, kurzer Sinn.» wurde verwendet. Daraus wird:
Die Pointe wird verschoben. Statt Effizienz entsteht Ermüdung. Die Aussage kippt von Klarheit zu Kommunikationskritik.
Auch besonders stark, was Lo & Leduc aus «Zu viele Köche verderben den Brei.» machen:
Die Ursache-Wirkung-Logik wird ersetzt durch eine gesellschaftliche Perspektive. Plötzlich geht es um Arbeitsmarkt statt um Chaos.
Oder dieses Spiel mit Selbstverständlichkeiten, hat es auch in sich. Aus «Hunde, die bellen, beissen nicht.» wird im Song «Wie es ist»:
Die zweite Hälfte verliert jede moralische Aussage. Übrig bleibt eine tautologische Feststellung, fast schon eine sprachliche Leerstelle.
Bedeutungen verschieben sich
Besonders spannend ist, wie Lo & Leduc bekannte Aussagen nicht nur verändern, sondern entleeren oder neu aufladen, was das nächste Beispiel zeigt.
«Schuster, bleib bei deinen Leisten.» verändert sich zu:
Hier wird aus einer normativen Regel ein Plädoyer für Freiheit.
Beim nächsten Beispiel verschiebt sich der Fokus vom Erfolg zur Erfahrung: früh sein heisst hier nicht Vorteil, sondern Dunkelheit.
Original-Sprichwort: «Der frühe Vogel fängt den Wurm.»
Im Song:
Ironie, Gesellschaft, Realität
Auch visuelle Metaphern werden im Song umgedreht und die moralische Warnung wird zur nüchternen Beobachtung, fast schon positiv konnotiert.
«Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.»
Daraus wird:
Das bekannte Sprichwort: «Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.» wird so neu zusammengesetzt:
Hier kippt Moral in Ökonomie – ein bitter-humorvoller Kommentar.
«Hochmut kommt vor dem Fall.» ist auch ein Redewendung, die sich bei uns fest etabliert hat. Lo & Leduc rütteln daran:
Kreativität durch Reduktion
Auffällig ist, dass Lo & Leduc nicht nur Wörter ersetzen, sie lassen oft einfach etwas weg. Genau dadurch entstehen neue Bedeutungsräume.
- Sprichwörter werden verkürzt.
- Pointen werden entfernt.
- Moral wird offengelassen.
Das Ergebnis: Die Hörerinnen und Hörer müssen die Lücken selbst füllen.
Warum uns das fasziniert
Sprichwörter funktionieren, weil wir sie kennen.
Lo & Leduc funktionieren, weil sie dieses Wissen nutzen und unterlaufen. Das erzeugt Reibung. Und Reibung erzeugt Aufmerksamkeit.
Für Kommunikation lässt sich daraus viel lernen:
- Vertrautes schafft sofortigen Zugang.
- Brüche erzeugen Interesse.
- Reduktion schafft Interpretationsraum.
- Kombination schafft Wirkung.
Sprache als Spielfeld
«Wie es ist» ist mehr als ein Song. Er ist ein kleines Experimentierfeld für Sprachkreativität. Die Botschaft dahinter ist fast schon programmatisch: Sprache darf sich verändern. Sie darf ungenau, spielerisch und widersprüchlich sein.
Gerade in der Unternehmenskommunikation oder im Employer Branding liegt hier eine Chance.
Wer nur auf standardisierte Floskeln setzt, bleibt austauschbar. Wer hingegen bekannte Muster bewusst variiert, bleibt im Kopf.
Denn am Ende gilt vielleicht auch ein neu gedachtes Sprichwort:
Nicht alles, was sich bewährt hat, muss auch so bleiben, wie es ist.