Ein schneidend kalter Wind

Quelle: DUDEN-Newsletter vom 8. Januar 2017

Vielfältige Einblicke in die deutsche Sprache - dank DUDEN.
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Nicht nur beim Wind und bei der Laugenstange, auch bei der Lage gilt es, aufmerksam auf die kleinen Unterschiede zu achten: Denn ein schneidend kalter Wind unterscheidet sich durchaus von ein schneidender kalter Wind und diese beiden wiederum von ein schneidender, kalter Wind.

 

Im ersten Fall, ein schneidend kalter Wind, übernimmt das Partizip schneidend die Funktion eines Adverbs und bezieht sich ausschliesslich auf das Adjektiv kalt. Das heisst dann so viel wie: ein Wind, der auf schneidende Weise kalt ist.

 

Im zweiten Fall, ein schneidender kalter Wind, bezieht sich das Partizip schneidender auf die ganze Fügung kalter Wind. Das heisst dann so viel wie: ein kalter Wind, der schneidend ist (es wird also bei den kalten Winden zwischen einem Wind, der schneidet, und anderen kalten Winden, die nicht schneiden, unterschieden).

 

Im dritten Fall, ein schneidender, kalter Wind, gibt es zwei Lesarten: erstens «ein Wind, der schneidend und kalt ist» (man könnte hier statt des Kommas auch und verwenden), zweitens «ein Wind, der schneidend, mithin kalt ist» (man könnte hier das Komma durch einen Ausdruck wie und zwar, mithin, nämlich usw. ergänzen).

 

Und ähnlich feine Bedeutungsunterscheidungen sind zu beachten bei

  • eine ähnlich schwierige Lage
  • eine ähnliche schwierige Lage
  • eine ähnliche, schwierige Lage
  • oder als weiteres Beispiel zwischen
  • eine frisch gebackene Laugenstange
  • eine frische gebackene Laugenstange
  • eine frische, gebackene Laugenstange

Nicht zu verwechseln mit Kopulativkomposita

 

In solchen meist mit Bindestrich geschriebenen Kopulativkomposita  sind die Adjektive nebengeordnet:

  • eine schaurig-schöne und ironisch-melancholische Geschichte
  • mit süss-saurer Sosse
  • die deutsch-belgische Grenze
  • knusprig-kerniges Vollkornbrötchen

Es wird ein gleichrangiges Vorhandensein der entsprechenden Eigenschaften angezeigt. Man könnte in solchen Fällen im Grunde die Adjektive vertauschen, also auch: eine schön-schaurige und melancholisch-ironische Geschichte, mit sauer-süsser Sosse, die belgisch-deutsche Grenze, kernig-knuspriges Vollkornbrötchen.

 

Hier sind der Komposition aber inhaltliche Grenzen gesetzt. Ausdrücke wie eine ähnlich-schwierige / schwierig-ähnliche Lage oder ein frisch-gebackenes / gebacken-frisches Laugenbrötchen ergeben sicher keinen Sinn.

Verwendung des Newsletterinhalts mit freundlichem Einverständnis des Bibliographischen Instituts Berlin